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Prof. Dr. Max Otte: Vom Best Case weit entfernt

  

Hintergrund Prof. Dr. Max Otte (geb. 1964)

Studium BWL, VWL und pol. Wissenschaften in Köln und Washington; Promotionsstipendium an der Princeton University; 1997 Senior Project Manager bei Arthur D. Little International; 1998 Ass. Professor for International Relations an der Boston University; 2003 Gründung Finanz-beratungs-Firma „IFVE Institut für Vermögens-entwicklung GmbH“ in Köln, Beteiligung an Privatinvestor Verwaltungs AG und Privat-investor Vermögensmanagement GmbH; Buch „Der Crash kommt“; Professuren in Worms und Graz.

Ist Ihrer Meinung nach die Finanzkrise vorbei und warum ja oder nein?

Die Finanzkrise ist längst nicht vorbei. Es ist ja eine Überschuldungskrise des Westens. Man versucht nur die Schulden geräuschlos auf Kosten der Mittelschicht umzuverteilen. Vorbei sind nun erstmal die großen Turbulenzen. Die Umverteilung und Vermögensvernichtung er­folgen weiterhin und zwar mit immer größeren staatspolitischen Eingriffen. Ein Professo­ren­kollege von mir im Fach Politische Theorie sprach in dieser Hinsicht vom „sanftem Neofa­schismus“. Gemeint ist damit die Behandlung von Bürgerrechten im Hinblick auf die Finanz­märkte. Die Akutmaßnahmen zur Bekämpfung der Krise haben uns die Schulden gebracht. Aus den Schulden kommen wir vielleicht heraus, doch gestalten wir unsere Gesellschaft zu einer unfreien Gesellschaft mit extremen Bürokratisierungstendenzen um. In dieser würden – und werden bereits vielerorts – die Geldströme planwirtschaftlich gelenkt. Die Finanzkrise birgt also die Gefahr eines schleichenden Systemwandel. Aber den großen Knall, den viele als Extremszenario sehen, sehe ich nicht.

Sehen Sie Chancen, dass durch die eingeleiteten Hilfspakete (Niedrig-Zins, Garantien, Hilfe zur Refinanzierung des Banken-EK etc.) oder auch die Rettungsmaßnahme Bankenunion das Bankenrisiko signifikant verringert werden konnte?

Wäre die Bankenunion richtig gemacht, wäre das eine gute Maßnahmen. Doch so, wie die Bankenaufsicht ehrbare Vorstände von Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken in die Abhängigkeit knüppelt, ist das nicht in Ordnung. Die Bürokratie in Brüssel hat die Macht, Banken haben kaum Rechtsmittel dagegen. Auch daran lässt sich die Tendenz eines plan­wirtschaftlichen Systems erkennen. Wettbewerb ist im Bankenbereich oftmals eine Illusion. Die Lobby der spekulativen Teile des Finanzsektors ist groß und mächtig. Diese gestaltet die Gesetze, was zu Lasten der langfristigen Anleger, der Volks- und Raiffeisenbanken, Spar­kassen, Stiftungen und Lebensversicherungen geht. Nehmen Sie das Anlegerschutzprinzip: Es werden keine wirklichen Standards für die Produkte festgelegt. Der Kunde kann alle Pro­dukte kaufen, er muss nur richtig aufgeklärt werden und unterschreiben. Wenn doch was passiert, sind der Anleger und der Berater schuld. Damit wird kriminalisiert. Somit stimmt es, dass aufgrund der Überregulierung Banken häufig nur noch einen Emittenten in verschie­de­nen Varianten anbieten. Eine Diversifikation ist somit nicht mehr möglich.

Wie lange dauert Ihrer Meinung nach die künstliche Niedrigzinsphase noch an?

Die Notenbanken wollen sie noch sehr lange fortsetzen. Ob dies gelingt, sei dahingestellt. Wenn keine Kredite mehr vergeben werden, könnte das Zinsniveau explodieren. Doch der politische Wille ist klar, die Zinsen niedrig zu halten. Eine Weile wird es schon noch so bleiben.

Die Inflationsrate ist mit 1,4 % im September 2013 niedriger als angenommen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Ist die Gefahr vorüber? Oder gibt es eine Deflation?

Den offiziellen Inflationsraten sollte man keinen Glauben schenken. Geldvernichtung kann durch Inflation oder einer Deflation mit Staatsbankrotten oder Umorganisation der Schulden erfolgen. Dieses binäre Szenario ist seit fünf Jahren unverändert. Es gibt zu viel Geld und zu viele Geldforderungen auf der Welt. Das können Sie durch Inflation oder Deflation vernich­ten. Eine Deflation wie 1929, dass Geldforderungen (Anleihen) im Wert stiegen, kann nicht passieren, denn da waren die Staaten noch nicht verschuldet. Wenn wir jetzt in die Deflation rutschten, hätten wir unmittelbar den Staatsbankrott oder Schuldenerlass. Das heißt, auch in einer Deflation würde heutzutage Geld vernichtet. Aus meiner Perspektive kann das System in beide Richtungen kippen.

Was machen die Notenbanken: Wenn also die Situation aktuell anders ist als 1929, ist damit die Panik zu erklären, die man spürt, wenn es in Richtung Deflation geht?

Ja, richtig. Da steuern die Notenbanken sofort dagegen. In Amerika haben wir aktuell die Situation, dass das von den Notenbanken die Geldbasis M0, das ist das in den Geschäfts­bankensektor gedrückte Geld, ein größeres Volumen hat als die zirkulierende Geldmenge M1. Das heißt, dass im Bankensektor netto Geld vernichtet wird. Subventioniert werden da­mit die großen Finanzmarktakteure und die Reichen. Marktwirtschaftlich fair und sinnvoll wä­re aber, dass der Staat Eigenkapital an die Banken gibt und ihm dafür die Bank gehört. Alles andere ist Vetternwirtschaft. Man muss klar sehen, dass die Lobby der Banken reiche Perso­nen und Organisationen sind. Damit läuft die Umverteilung von fleißig nach reich mit voller Wucht.

Wie sollte/kann man die Niedrigzinsphase nutzen? Welche Anlage sollten Stiftungen tätigen? Macht es Sinn, sich bei dem aktuellen DAX-Stand in Richtung Aktien zu orientieren?

Dies macht definitiv Sinn, wenn man Erträge erzielen will. Die Deutschen haben erst Ende der 90er Jahre den DAX entdeckt. Damals  dachte man noch, man müsste 100 Prozent Ren­dite im Jahr machen. Dann ging der DAX rauf und runter – und damit ist er bei den Deut­schen verbrannt. Doch der DAX ist ein Preisschild für die 30 größten deutschen Unterneh­men. Die Unternehmen steigern im Durchschnitt kontinuierlich Umsatz und Gewinn. Im Jahr 2000 war der DAX zu 100 Prozent überwertet. 8000 stand drauf, 4000 war drin. Wenn Sie für diese 13 Jahre bei den Unternehmen eine Umsatzsteigerung von durchschnittlich 6 Prozent ansetzen, sind Sie heute bei einer DAX-Bewertung von 8.500 – 9.000. Das heißt, dass der DAX aktuell nicht wirklich zu teuer ist. Und Findige entdeckt in einem fairen Index immer noch billige Aktien, gerade bei den europäischen Indices. Die Renditeerwartungen liegen über acht Prozent. Das ist bei Anleihen oder Immobilien lange nicht zu erreichen.

Wie organisiert eine Stiftung ihre Anlage sicher und ertragreich? Was sind Ihrer Meinung nach aktuell empfehlenswerte Anlagen mit besten Renditechancen und minimalem Risiko?

Die Gleichung „sicher und ertragreich“ kann man heutzutage nicht mehr erfüllen! Alle, die etwas anzulegen haben, werden leider zur Spekulation gezwungen. Auch wenn man natür­lich mit Augenmaß spekulieren kann. Es gibt keine sicheren Anlagen mehr. Außer Festgeld, doch ist dies nicht ertragreich. Als Stiftung brauchen Sie ein ausgewogenes Portfolio: 50% Aktien, 50% Anleihen. Prinzipiell gebe ich Anlegern den Rat: Sachwert schlägt Geldwert, auch wenn man hier von der Bewertung abhängig ist und spekulieren muss. Doch bei der klassischen konservativen Anlage, die Obligationen und Pfandbriefe beinhaltet, steht nur der Nominalwert darauf. Die Finanzrepression zerstört auf Dauer das so angelegte Stiftungskapi­tal und ist daher keine Lösung. Dies ist eine Folge der mangelnden Rechtssicherheit und der Umverteilung von fleißig nach reich.

Seit Ende 2009 gibt es in den USA immer wieder Finanzkrisen. Das Wirtschaftswachs­tum ist seit 2010 um rund einen Prozentpunkt im Jahr gedrosselt. Die Arbeitslosenquote ist in diesem Jahr um 0,6 Prozent gestiegen, was nahezu eine Million verlorene Arbeits­plätze bedeutet. Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Wie viel Vertrauen hat die Welt noch in die Wirt­schaftsmacht USA?

Vertrauen ist keine Kategorie der internationalen Beziehungen. Die Deutschen haben nun kein Vertrauen mehr in die USA wegen der NSA. Doch beeindruckt dies die USA nicht. Wenn es um Welt- und Machtpolitik geht, muss man sich nicht lieben. Wir sehen da Mecha­nismen eines Imperiums, das sich durchaus aggressiv behauptet, auch mit militärischer Macht und subtilen Kontrollmechanismen. Die USA stehen zweifellos schlecht da, sei es wegen der Arbeitslosigkeit oder den zerrütteten Sozialstrukturen, sie lösen dies aber mit ihrer Konsequenz und oft Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Ländern. Der Staat ist hochver­schuldet, das Fracking könnte eine Chance sein, sich ein wenig zu erholen.

Hochverschuldet sind aber auch die Menschen in den USA, die ihr Vermögen in langfristigen Aktiensparplänen und Immobilien angelegt haben. In Deutschland legen die Leute ihr Geld in Sparguthaben und Lebensversicherungen an und haben keine Schulden. Somit haben die Deutschen oder auch Japaner Geldvermögen. Die Amerikaner haben Sachvermögen. Black­rock, der größte amerikanische Vermögensverwalter, hält mehr als 5% an den meisten DAX-Konzernen. Da läuft ein ganz gigantisches Umverteilungsspiel. Die meisten amerikani­schen Stiftungen haben ganz viel Aktien in ihrem Anlagevermögen. Die Dividenden darf man dabei ausgeben, die Aktien behält man, egal, welchen Schwankungen sie unterliegen. Und das ist auch eine ganz einfache Lösung. So stimmt es auch, dass man etwas umdenken muss, was die Definition von Risiko angeht. Wenn ein Kurs mal fällt, ist das nicht gleich ein Risiko. Denn der Kurs steigt auch wieder. Hier erinnere ich an eine Definition von Benjamin Graham, dem Lehrmeister von Warren Buffett und dem Vater für wertorientiertes Investieren: Wertorientiertes Investieren ist Kapitalerhalt und angemessene Rendite.

Gab es bis vor Kurzem die Meinung, dass der Euro verschwindet, geht man derzeit davon aus, dass er bleibt. Wie geht es Ihrer Meinung nach in der EU weiter?

Wie in Deutschland sind wir auch in der EU auf dem politischen Weg in einen sanften Kon­trollstaat mit Zentralismus und Bürokratismus sowie einer zunehmenden Beschneidung von Bürgerrechten. Die Währungsunion ist wie ein Geleitzug von Schiffen. Die schwächsten Nationen bestimmen das Tempo, die stärksten sind gezwungen, den Kurs mitzufahren. Über das unbegrenzte Zentralnotenbankgeld wird der Euro in den nächsten drei bis fünf Jahren mit al­ler Macht verteidigt werden, wenn auch mit schweren Nebenwirkungen und Kosten. Mit den Rettungsaktionen, die wir zynischerweise so nennen, treiben wir allerdings ganze Natio­nen in die Perspektivlosigkeit, wenn wir uns die bis zu 50prozentige Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland, Portugal, Spanien und Italien anschauen. Doch diese brutale Lohndrückerei zeigt – wie man sieht – erste Erfolge, denn die Lohnstückkosten sinken in diesen Ländern, in Italien und Frankreich jedoch noch nicht. Der Weg wird holprig bleiben, doch es wird so weit­er gehen. Die Finanzelite und die ihnen zuarbeitenden Politiker sitzen fest im Sattel.

Vor zwei Jahren rieten Experten Vorsorge zu treffen und sich zum Beispiel mit Konser­ven und anderen haltbaren Vorräten einzudecken, um im Falle eines Kollaps abgesichert zu sein. Können wir die Vorratshaltung wieder auflösen?

Eine Vorratshaltung habe ich auch. Diese hat vor allem den Zweck, meinen Kindern zu zei­gen bzw. zu lehren, was das ist. Wir haben zum Beispiel Kartoffeln und Pflaumen ein­gekocht und natürlich auch angebaut. Primär ist dies ein Hobby und keine Vorsorge auf­grund der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch schaden kann es natürlich auch nicht. Wobei ich die Be­richte, die vorhersagten, dass es zu Unruhen in Deutschland kommt, für Quatsch gehalten habe. Revolutionen werden meistens nach dem Bremer Soziologen Gunnar Heinsohn von zornigen jungen Männern gemacht. Und davon hat Deutschland einfach zu wenige.

Wie informieren Sie sich als Börsenprofi? Was sind gute Informationsquellen für Anleger, um auch Gefahren frühzeitig zu erkennen?

Eine breite humanistische Bildung (zum Beispiel Thukydides, Alexis de Tocqueville, Max Weber) ist die Grundlage, um Entwicklungen einschätzen zu können. Das heißt also, Philo­sophie und Geschichte studieren. Denn Mark Twain sagt: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.