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Prof. Dr. Thomas Adam: Staatsanleihen sind kein Garant

Kursfeuerwerk an den Börsen dank Mario Draghi: Die Aktien- und Anleihekurse steigen, denn die EZB kauft bis September 2016 monatlich für € 60 Milliarden Anleihen. Vielleicht wird das Kaufprogramm sogar noch ausgeweitet. Stiftungen sind gesetzlich verpflichtet, das Stiftungskapital sicher und ertragreich anzulegen. Ist aus Ihrer Sicht die derzeitige Anlagestrategie vieler Stiftungen, schwerpunktmäßig das Stiftungsvermögen in Renten zu investieren, dem Stiftungsgedanken noch förderlich? Oder werden hierdurch Stiftungen nachhaltig geschädigt oder gar zerstört? Welche Asset-Aufteilung halten Sie – im Umfeld der anhaltenden Staatsschuldenkrise und der Markteingriffe der EZB – für Stiftungen mit Ewigkeitsfokus in der Anlage für sinnvoll?

Die Anlage von Stiftungskapitalien stellt Stiftungsverwalter von jeher vor große Herausforderungen, da Stiftungen – zumindest in Deutschland – von ihren Gründern und Gründerinnen als eine auf ewig existierende Einrichtung geschaffen wurden. Stifter und Stifterinnen vertrauten und bestanden darauf, dass das von ihnen gestiftete Kapital durch die Stiftungsverwalter so angelegt werden würde, dass es über die Jahrhunderte hinweg einen stetigen Gewinn erwirtschaften würde, der zur Erfüllung des Stiftungszweckes verwendet werden sollte. Vom späten Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Mehrzahl der Stiftungen als unselbständige Stiftungen öffentlichen und staatlichen Einrichtungen zur Verwaltung anvertraut. Es gab kaum eine Universität, eine Schule oder eine Stadtverwaltung, die nicht über einen umfangreichen Stiftungsfonds verfügte. Diese Stiftungsfonds verwalteten gewaltige Summen. Die der Stadt Leipzig anvertrauten Stiftungen beliefen sich zum Beispiel im Jahre 1902 auf etwa 31,4 Millionen Mark. Die Universität Tübingen verwaltete im Jahre 1914 ein Stiftungskapital von 4,4 Millionen Mark. Und das Stiftungskapital des Kölner Gymnasial- und Studienfonds betrug im Jahre 1890 über 7 Millionen Mark.

Diese Stiftungskapitalien galt es so anzulegen, dass sie vor Verlusten geschützt waren und eine stetige Verzinsung erbrachten. Das ungeheure Wachstum des Stiftungswesens im 19. Jahrhundert sowie das stetige Anwachsen der Staatsausgaben, die nicht über Steuern finanziert werden konnten, verleitete die deutsche Regierung dazu, Stiftungen gesetzlich dazu zu zwingen, ihre Kapitalien in Staatsanleihen anzulegen. Die Anlage von Stiftungskapitalien in Aktien wurde als zu gefährlich dargestellt und im Interesse der Stifter und Stifterinnen gesetzlich untersagt. Staatsanleihen wurden im Gegensatz zu Aktien als mündelsichere Anlage deklariert. Der Staat gab damit den Stiftungen das Versprechen, dass in Staatsanleihen investierte Stiftungsgelder absolut sicher angelegt waren. Für Stiftungen erwies sich diese Regelung zunächst als ein Vorteil, da Staatsanleihen jährlich eine keinerlei Schwankungen unterworfene Rendite von 3 bzw. 3,5 Prozent abwarfen. Die Stiftungsausgaben konnten damit auf Jahre hinweg kalkuliert werden. Für den Staat eröffnete sich mit dieser Regelung ein Kapitalmarkt, auf dem Staatsschulden permanent geparkt werden konnten. Da Stiftungen ihre Kapitalien permanent in Staatsanleihen investieren mussten, brauchte der Staat sich nicht vor Rückzahlforderungen zu fürchten. Im Jahre 1911 belief sich der Nominalwert der von der Reichsregierung ausgegebenen Staatsanleihen auf mehr als 4,8 Milliarden Mark. Die deutschen Einzelstaaten wie Preußen und Bayern hatten Staatsanleihen mit einem Nominalwert von insgesamt mehr als 14,6 Milliarden Mark ausgegeben. Und die deutschen Städte und Kommunen hatten Anleihen im Gesamtwert von fast 380 Millionen Mark aufgelegt. Die Mehrzahl dieser Anleihen war von Stiftungen aufgekauft worden, die damit eine erhebliche Defizitfinanzierung der Staats- und Kommunalausgaben ermöglichten.

Diese Tradition der Finanzierung von Staatsausgaben, wie etwa des Baues der kaiserlichen Flotte oder der Verstaatlichung privater Bahnlinien, fand in der Finanzierung des Ersten Weltkrieges ihren Höhepunkt. Mehr als zwei Drittel der gesamten Kriegskosten wurden durch den Verkauf von Kriegsanleihen (über 98 Milliarden Mark) finanziert. Da Stiftungen zum Kauf dieser Anleihen gesetzlich verpflichtet waren und sich viele Stiftungen in staatlicher Verwaltung befanden, was Staatsbeamte in die Position versetzte, Entscheidungen über die Anlage der Stiftungskapitalien zu treffen, flossen signifikante Summen des akkumulierten Stiftungskapitals in die Kriegsfinanzierung. Die zur Grundlagenforschungsförderung gegründete Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft investierte etwa die Hälfte ihres auf mehr als 20 Millionen Mark geschätzten Stiftungskapitals (im Jahre 1914) in Kriegsanleihen. Im Falle der Universität Tübingen waren es sogar 70 Prozent des auf 4,4 Millionen Mark (Stand 1914) geschätzten Stiftungskapitals.

Obwohl diese Kriegsanleihen als mündelsicher galten und den Stiftungen als sichere Anlage aufgezwängt wurden, stellten gerade sie eine große Gefahr für die finanzielle Stabilität der Stiftungen dar. In den zehn Jahren vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 bis zur Stabilisierung der deutschen Währung im Jahre 1924 schrumpfte das Stiftungskapital der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von mehr als 20 Millionen Mark auf gerade einmal 400.000 Mark. Auch die Universität Tübingen verlor über 4 Millionen Mark ihres Stiftungskapitals in diesem Zeitraum. Es waren jedoch nicht nur die Kriegsniederlage und die folgende Inflation, die für die Entwertung der Stiftungskapitalien verantwortlich waren. Es war vor allem die Entscheidung der deutschen Regierung aus dem Jahre 1925, die Staats- und Kriegsanleihen auf 2,5 Prozent ihres Nennwertes zu entwerten, um sich damit einen Schuldenschnitt auf Kosten der Inhaber von Staats- und Kriegsanleihen zu gönnen. Mit dieser Entscheidung entledigte sich die deutsche Regierung inländischer Schulden von fast 70 Milliarden Mark. Die als mündelsicher angepriesenen Staatsanleihen wurden damit wertlos und die Stiftungen, die gesetzlich zur Anlage ihrer Vermögen in Staatsanleihen verpflichtet worden waren, praktisch enteignet. Die gesetzliche Regelung, dass Stiftungskapitalien mündelsicher nur in Staatsanleihen angelegt werden könnten, überlebte unbegreiflicherweise diese stiftungsfeindliche Entscheidung der deutschen Regierung. Auch nach dem Schuldenschnitt vom Jahre 1925 durften Stiftungskapitalien nicht in Aktien angelegt werden. Einrichtungen wie die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die Anfang der 1920er Jahre, um ihr Stiftungskapital vor einem Wertverfall zu schützen, Staats- und Kriegsanleihen verkaufte und den Erlös in Aktien angelegt hatte, wurden dazu gezwungen die „riskanten“ Aktien zu verkaufen und das Kapital in „mündelsichere“ Staatsanleihen anzulegen. Es war aber gerade die Anlage von Stiftungskapitalien in – als „mündelsicher“ angepriesene – Staatsanleihen, die den Kapitalbestand der Stiftungen nachhaltig zerstört hatte.

Ein ausschließliches Vertrauen auf die Anlage in Staatsanleihen und den Schutz der Stiftungen durch den Staat scheint im deutschen Falle daher sehr unangebracht. Ein Blick in die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt, dass sich deutsche Regierungen, ob sie nun monarchisch, diktatorisch oder demokratisch verfasst waren, sehr wenig um den Schutz der Stiftungen, die sie als „Mündel“ – also als (staatlichen) Schutz bedürftige unselbständige Rechtspersonen – definierten, verdient gemacht haben. Die kaiserliche Regierung sah im Stiftungswesen vor allem einen lukrativen Kreditmarkt, der es ihr über den Verkauf von Staatsanleihen ermöglichte, zinsgünstige und nicht-rückzuzahlende Kredite aufzunehmen, die zur Finanzierung von Staatsausgaben verwendet werden konnten. Den Anteil der Stiftungen zur Verbesserung der sozialen und kulturellen Infrastruktur der deutschen Gesellschaft ebenso ignorierend, wie den Beitrag der in Staatsanleihen angelegten Stiftungskapitalien zur Finanzierung von Staatsausgaben, setzte die Regierung der Weimarer Republik einen Schuldenschnitt durch, der in seiner finanziellen Dimension wohl einmalig in der europäischen Geschichte ist. Deutsche Stiftungen haben das 20. Jahrhundert überdauert, nicht weil sie ihre Kapitalien mündelsicher in Staatsanleihen angelegt haben, sondern obwohl sie auf diese Anlage vertrauen mussten.

Staatsanleihen waren und sind kein Garant für eine dauerhafte finanzielle Sicherheit von Stiftungen. Wenn man dem Auftrag des Stifters oder der Stifterin gerecht werden möchte, muss man sich wohl auf eine weit gestreute Anlage einlassen, die sowohl riskante Staatsanleihen als auch Aktien und Grundbesitz einschließt. Stiftungen mit Grund- und Gebäudebesitz wie etwa die Meyer´sche Stiftung in Leipzig – Deutschlands zweitgrößte Wohnstiftung – haben nicht nur zwei Weltkriege (und vor allem die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges), drei Währungsreformen, sondern auch vier verschiedene politische Systeme überlebt.