Gelebter Kinderschutz

„Kinderschutz lebt davon, dass niemand allein bleibt“ – Ein Gespräch mit dem pädagogischen Bereichsleiter Sven Pelz und der Kinderschutzfachkraft Louise Larbanoix im SOS-Kinderdorf Harksheide. 
Kinderschutz gehört in allen Einrichtungen des SOS-Kinderdorf e.V. zum Alltag. Von der Bewerbung neuer Mitarbeitender bis zur Beteiligung der Kinder sind vereinsweit klare Strukturen, eindeutige Zuständigkeiten und verlässliche Meldewege fest verankert. Entscheidend ist: Alle Betreuten und Mitarbeitenden sollen wissen und spüren, dass sie jederzeit jemanden ansprechen können – und ihre Anliegen ernst genommen werden. Wie das in der Praxis aussieht, zeigen Stimmen aus dem SOS-Kinderdorf Harksheide.
Herr Pelz, Sie sind pädagogischer Bereichsleiter. Wie zeigt sich gelebter Kinderschutz bei Ihnen im Alltag? 
Pelz: Viel früher, als viele denken. Schon im Bewerbungsverfahren achten wir sehr auf die pädagogische Grundhaltung. Im Gespräch mit mindestens zwei Leitungskräften und bei einer verpflichtenden Hospitation sprechen wir offen über schwierige Situationen und testen, ob die Bewerbenden Verantwortung übernehmen. Sobald auch nur ein Teammitglied ein komisches Gefühl hat, stellen wir nicht ein. Egal wie überzeugend die Unterlagen und Zeugnisse sind. Auch eine Probezeit beenden wir im Zweifel.
Kommt es zur Einstellung, stellen wir dem neuen Teammitglied sofort all unsere Konzepte zu Schutz, Beteiligung und Beschwerdemanagement vor. Niemand soll in den ersten Wochen allein vor komplexen Situationen stehen. Kinderschutz funktioniert nur, wenn wir als Team eng zusammenarbeiten – und leben was in unseren Konzepten steht! 
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Pelz: Unsere Kinder und Jugendlichen können sich jederzeit an jeden Mitarbeitenden von uns wenden, der ihnen im ambulanten oder stationären Bereich über den Weg läuft. Es kommt regelmäßig vor, dass auch schon die jüngsten Kinder direkt zu mir ins Büro kommen und mir ganz klar sagen, wenn ihnen etwas gar nicht gefällt, sie sich nicht wohl fühlen oder Streit mit jemandem hatten. Dann schauen wir gemeinsam, woran das liegt und was sie brauchen. 
Wenn alles so gut strukturiert ist und gelebt wird – heißt das, dass es keine Fälle mehr gibt?
Pelz: Nein, ausschließen lässt sich das nie. Grenzüberschreitungen passieren. Das fängt an, wenn Mitarbeitende in einer Situation zum Beispiel beim Mittagessen unsensibel reagieren und ein Kind durch eine Aussage beschämen. Oder Betreute durch ihr Verhalten sich oder andere gefährden könnten. Jede dieser Situationen löst eine Meldung aus und wird in unserem Kinderschutzteam besprochen.
Wer ist im Kinderschutzteam vertreten?
Pelz: Eine speziell ausgebildete koordinierende Kinderschutzfachkraft, die Einrichtungsleitung und ein weiteres pädagogisches Teammitglied. Ein solches Team gibt es deutschlandweit in jeder SOS-Einrichtung. Jeder Fall wird dokumentiert und geprüft – auch wenn es zunächst nur eine Wahrnehmung oder ein Bauchgefühl ist. Liegt ein Gefährdungsfall vor, informieren wir das Landesjugendamt, die Sorgeberechtigten und unsere vereinsinterne Stabsstelle Kinderschutz in München.
Frau Larbanoix, Sie sind Kinderschutzfachkraft. Was ist Ihre Aufgabe? 
Larbanoix: Prävention und Fachberatung bei akuten Krisen. Ich schule alle Mitarbeitenden – auch aus der Verwaltung und der Dorfmeisterei – und spreche zwei- bis dreimal im Jahr mit jedem Team. Dabei prüfe ich: Kennt jedes Teammitglied die Inhalte unserer Schutzkonzepte? Und werden sie im Alltag auch umgesetzt? 
Wenn jemand eine Grenzverletzung wahrnimmt, soll er oder sie sicher wissen, wie der nächste Schritt aussieht und wohin man sich wenden kann – intern oder extern. Ich berate im Fallmanagement, hole bei Bedarf weitere Fachstellen dazu und dokumentiere jeden Schritt.
Welche Bedeutung hat Beteiligung im Kinderschutz?
Larbanoix: Kinder spüren sehr genau, ob sie ernst genommen werden. Wenn sie erleben, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst genommen werden und ihre Rückmeldungen Folgen haben, stärkt das ihr Vertrauen. Und zwar nicht nur in uns, sondern auch in ihre eigenen Fähigkeiten. Dann melden sie sich auch in schwierigen Situationen. Deshalb gibt es bei uns viele Beteiligungsmöglichkeiten: bei Mahlzeiten, Kleidung, Zimmergestaltung oder der Freizeit- oder Feriengestaltung.
Und an wen können sich die Kinder wenden, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen? 
Pelz: An jeden von uns! 
Larbanoix: Alle Mitarbeitenden sind geschult – Kinderschutz geht uns alle an. Alle Kinder, Jugendliche und auch Mitarbeitende sollen wissen und spüren: Ihr dürft jederzeit kommen! Mit Sorgen, Unsicherheiten oder einem vagen Bauchgefühl.
Herr Pelz, Sie werden ab März 2026 Einrichtungsleiter. Was ist Ihnen besonders wichtig?
Pelz: Dass wir nicht nur auf akute Fälle schauen. Kinderschutz entsteht in jeder alltäglichen Situation: beim Abendessen, bei den Hausaufgaben, beim Spielen. Wenn wir präsent sind, aufmerksam zuhören und klare Grenzen setzen, können wir vieles verhindern, bevor es zu einem Problem wird. Voraussetzung dafür sind gut ausgebildete, sensibilisierte Fachkräfte, die ihr Handeln reflektieren und keine Scheu haben, Dinge anzusprechen.  
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Kinderschutzes?
Larbanoix: Dass wir unsere Konzepte leben. Und alle wachsam bleiben; unsere Kinder und Jugendlichen immer gut im Blick haben.
Pelz: Dass wir die Grenzen der Kinder wahrnehmen. Und Räume schaffen, in denen sich unsere Kinder und Jugendliche – und auch Mitarbeitenden – sicher fühlen. Das ist unser Auftrag. Jeden Tag.

Die Kinder- und Jugendvertretung im SOS-Kinderdorf Harksheide
Mitbestimmung ist im Dorf ein wichtiges Thema. Seit 12 Jahren wählen die Kinder und Jugendlichen deshalb alljährlich im Februar aus ihrem Kreis eine vierköpfige Kinder- und Jugendvertretung. Gemeinsam mit erwachsenen Vertrauenspersonen treffen sich die vier einmal im Monat, um Themen und Anliegen der Kinder und Jugendlichen des Dorfes zu besprechen und das ebenfalls monatlich stattfindende Treffen aller Dorfkinder vor- und nachzubereiten. Dabei geht um Themen wie Kinderrechte, Medienkonsum und Helmpflicht oder auch das Fußballtraining der Dorfmannschaft und eine neue Grillhütte.